Exit

Seit gut einer Woche schlagen die Krautreporter medial auf vielen Kanälen Alarm — per Mail, auf der Website, auf Twitter, auf Facebook. Es geht um die Frage, wie viele der ursprünglichen Gründungsmitglieder für ein zweites Jahr als zahlendes Mitglied an Bord bleiben. Das zweite Jahr beginnt im Oktober. Diese Frage stellt sich damit auch mir: Ich habe mich entschieden, meine Mitgliedschaft zum Ende des ersten Jahres auslaufen zu lassen und damit das Krautreporter-Experiment zu verlassen. Meine Gründe dafür möchte ich hier darlegen, u.a. auch weil ich kürzlich ja schon einmal meine Kritik geäußert habe.

Kommunikation und Werbe-Overkill

So oft wie in den letzten Tagen habe ich seit Anlaufen des Experimentes nicht von der Krautreporter-Redaktion zu lesen bekommen. In gut einer Woche sind zwei Mails eingetrudelt mit der Nachfrage, ich möge mich bitte möglichst sofort entscheiden, ob ich weiter dabei bin (Ja, Nein, Vielleicht). Ich kann nachvollziehen, dass die Redaktion auch für die finanziellen Planungen eine verlässliche Basis haben möchte. Die Mitglieder aber drei Monate vor Ende des ersten Jahres nahezu zu einer frühen Entscheidung zu drängen, finde ich suboptimal.

Die Redaktion meldet sich aber auch durch Retweets. Auf Twitter wurden in den ersten Tagen vermutlich alle dort bekannt gemachten Entscheidungen für die Krautreporter retweetet:

Das ist ein wenig nervtötend, und ich bin nicht der einzige, der das so sieht:

So schön es auch ist, dass die Redaktion aus dem Dornröschenschlaf erwacht scheint — mich ärgert es regelrecht, dass sie erst jetzt plötzlich präsent ist, zu vielen anderen Themen in den letzten Monaten aber sehr deutlich geschwiegen hat. Ein Beispiel? Dem polterigen und sehr lauten „Ausstieg“ von Tilo Jung im März folgte kürzlich ein sehr stiller Wiedereinstieg, über den niemand aus der Redaktion ein Wort verlor. Das hätte meiner Ansicht nach erklärt werden müssen, insbesondere weil der „Ausstieg“ sehr wohl begründet wurde.

Zu technischen Themen (möglicherweise später auch zu anderen) gab es einen Google-Hangout, auf den ich erst zufällig bei einer Recherche zu meinem Enttäuschung-Artikel gestoßen bin. Warum um alles in der Welt wird sowas den Mitgliedern nicht mitgeteilt?
Auch die unsägliche Diskussion um das Abomodell fand ich sehr ärgerlich, zumal die mit einem kurzen Schreiben der Redaktion aus der Welt hätte geräumt werden können.

Ein Stück Unprofessionalität ist ja ganz charmant für so ein junges, neues Medium. Das aber ist mir zuviel des Unprofessionellen — es fehlt einfach dramatisch an einer klaren Kommunikationsstrategie in Richtung der Mitglieder. Und die hätte ich mir schon vor Monaten so offensiv gewünscht, wie sie jetzt passiert.

Die Website

Ja, die Website der Krautreporter. Eine wirklich unsägliche Geschichte. Für viel Geld wurde zum Start ein eigenes System entwickelt, vollkommen unsinnig und proprietär. Das System funktioniert mehr schlecht als recht, lässt sich insbesondere über mobile Geräte kaum bedienen und ist damit für mich zum Scheitern verurteilt. Ich setze mich nicht mit einem Notebook an den Frühstückstisch, weil nur dort mein bezahltes Magazin zu verwenden ist.
Zwar wurden an ein paar Stellen gearbeitet und Kleinigkeiten optimiert, insgesamt wirkt es auf mich aber eher verschlimmbessert. Wie irre ist es, dass ich zwar theoretisch (!) an jedem Absatz als Lesere einen Kommentar anfügen kann, das aber technisch nicht sauber funktioniert? Das Laden eines Artikels dauert gefühlt eine halbe Ewigkeit. Bin ich dummerweise mal ausgeloggt, lädt nach dem Einloggen nicht der zuvor aufgerufene Artikel, sondern die Krautreporter-Startseite.

Und, und, und. Die Liste ließe sich noch lang erweitern. Eine Website, die ein Performance-Monster ist und weit von einer nutzbaren Usability entfernt ist, ist für so ein rein Netz-basiertes Magazin tödlich.

Die Inhalte

Die Magazin-Inhalte sind für meinen Geschmack viel zu belanglos und beliebig. Kaum ein tiefgehender Artikel zur Griechenland- und Euro-Krise, dafür Artikel über Hunde-Erziehung, die Situation von Prostituierten in Johannesburg, Bilder aus dem Knast und Speckpolster. Ich möchte keines dieser Themen klein reden, aber das interessiert mich im Gegensatz zu den großen und wichtigen Themen dieser Tage wirklich zu wenig. Natürlich muss es für derartige Themen auch die Journalisten geben, die sich damit auskennen — nichtsdestotrotz rühmt man sich bei Krautreporter mit einer umfangreichen Datenbank zu Fachwissen der einzelnen Mitglieder. Die hätte man doch sicher, wie bei vielen anderen Themen auch, zu Rate ziehen können.
Hinzu kommt, dass die Artikel teilweise extrem flach und nicht immer nachvollziehbar waren. Gerade das wollten die Krautreporter doch ändern.

Es fehlt für mich ein redaktioneller Faden, der sich zum Beispiel durch eine gemeinsame Themenstrategie bewiesen hätte. Die Krautreporter sind jedoch ein Mix aus Geschichten. Ich kann mich als Leser nicht darauf verlassen, zu einem bestimmten Themenfeld einen Artikel zu finden, sondern muss mich von der Themenauswahl immer wieder überraschen lassen. Ich habe immer mehr den Eindruck, Krautreporter ist eine Plattform, aber kein Magazin. War vielleicht auch nie so intendiert, ich hätte mir jedoch ein klareres Konzept gewünscht.

Mit Facebook-Gruppen zu verschiedenen Themen (wie zum Beispiel die „Raketen AG“), der Tagesmail, der Wochenpost, der „normalen“ Facebook-Seite, Twitter und Vimeo, Google Hangouts, SoundCloud und Podcasts haben sich die Krautreporter zu schnell und zu früh auf wahnsinnig vielen Plattformen getummelt, sich dabei aber nach meinem Gefühl verheddert und schlussendlich verloren. Schließlich gab es dazu noch die Kommentare auf der Website – und zwar die zu einzelnen Passagen oder zum gesamten Artikel. Wer soll dabei noch den Überblick behalten?

Zukunft

Die Krautreporter haben sich für ihr zweites Jahr eine Menge vorgenommen, u.a. soll Krautreporter eine Genossenschaft werden. Sebastian Esser hat dazu einen eigenen Artikel geschrieben. Ich persönlich kann es überhaupt nicht nachvollziehen, dass man jetzt mit der Genossenschaft eine weitere Baustelle aufmacht, anstatt die offenen Themen aus dem ersten Jahr zu klären. Die Vorhaben riechen für mich allesamt nach Aktionismus, den ich nicht gesund finde und der zu sehr danach heischt, die Mitglieder aus der Crowdfunding-Phase an der Stange zu halten.

Schlussendlich: Die Community

Hm, ja, die Community. Fast alles, was die Krautreporter an Terminen für ihre Mitglieder auf die Beine gestellt haben, fand in Berlin statt. Berlin ist toll, aber nicht jeder wohnt dort und nicht jeder hat die Möglichkeit, für einen Abend und ein Treffen mit einem Krautreporter-Journalisten nach Berlin zu reisen. Als Nicht-Berliner fühlt man sich hier sehr schnell ausgeschlossen.

Fazit

Alles in allem: Es freut mich, wenn die Krautreporter Erfolg haben und sich der eingeschlagene Weg mit den geplanten Maßnahmen als der richtige erweist. Allein der Glaube daran fehlt mir ebenso wie Geduld für die ungelösten Probleme.

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